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Perspektiven ... oder wohin ohne Ziel?


Diesen Essay habe ich anlässlich des Jahrtausendwechsels geschrieben.

Er hat nichts von seiner Aktualität verloren.



Was bedeuten 2000 Jahre willkürlich gesetzter Zeitrechnung gegenüber mehr als vier Milliarden Jahren Erdgeschichte, 500 Millionen des Lebens und mindestens 400.000 jenes Homo Sapiens, der unser Urahn ist?

Immerhin ist unübersehbar, dass die zu Ende gegangenen zwei Jahrtausende abendländisch-christlicher Kultur den menschlichen Lebensraum entscheidend mit verändert haben.
Allein das letzte Jahrhundert hat weltweit so viele Neuerungen gebracht, dass wohl niemand, der vor hundert Jahren starb, die Erde heute wiedererkennen und sich ohne massive Unterstützung auf ihr zurechtfinden könnte.

Je jünger die Epoche, desto schneller, bedeutsamer und vielschichtiger ihr Wandel.
Und weil die von den europäischen und amerikanischen Industrienationen ausgehenden Einflüsse die globalen Lebensverhältnisse immer noch weitestgehend mitgestalten, ist die für uns gültige Zeitrechnung nicht zufällig die verbindlichste der modernen Menschenwelt.

Hier legt der Grund, weshalb von der Jahreszahl mit den drei Nullen, selbst wenn sie nur an unser System gebunden ist, eine gewissermaßen gerechtfertigte Magie ausgeht.


An Markierungspunkten ist man um Übersicht bemüht.


Bei jedem Jahreswechsel ziehen wir Bilanz und setzen uns Ziele für den Weg voran. Mit jeder Null sind die Zeiträume unserer Betrachtung weiter und unsere Prognosen vorsichtiger.
Beim Hunderterwechsel fallen die Einschätzungen schon sehr schwer. Denn 100 Jahre übersteigen in der Regel unsere subjektiven Lebensgrenzen.
Der Tausender scheint erst recht einige Nummern zu groß. Vor allem, was die Einschätzung der Zukunft betrifft.
Denn während die Sicht auf die Vergangenheit selbst über lange Zeiträume noch relativ leicht gelingt und bei entsprechender Perspektive sogar Mut machen kann, fällt der Blick nach vorne um so schwerer.

Wer wagt Prognosen über die nächsten zehn, hundert oder gar tausend Jahre?
Wie steht es mit einer Million?

Allesamt lächerliche Zeitspannen, wenn man bedenkt, wie lange Dinosaurier die Erde beherrschten! Science-Fiction-Fantasien gibt es zu Hauf. Doch keine ernsthaften Ziele oder gar Hochrechnungen, die einen positiven Ausgang gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen erahnen lassen. Das macht Angst.

Stehen wir vor einem unabänderlich fortschreitenden Verfall menschlicher Werte?
War's das? Ist es mit der Menschheit bald vorbei?
Oder gibt es noch Hoffnung auf eine Ära des Friedens und des Glücks?


Schauen wir uns die Situation mit sinnvollem Abstand etwas genauer an:


Entgegen manch subjektiver Empfindung waren die Lebensverhältnisse der Menschen zu keiner Zeit besser als heute.
Die Zivilisation hat unzählige objektive Vorteile gebracht. Sie hat Quantität und Qualität des menschlichen Seins verändert. Sie hat zur Vervielfachung der Menschheit beigetragen sowie Sicherheit und Wohlstand geschaffen, die, selbst wenn nur von einem Teil genossen, vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wären.
Voraussetzungen dazu waren und sind menschliche Leistungen. Geistige und handwerkliche Fähigkeiten und ein ausgeklügeltes Zusammenspiel, bei dem die intellektuellen und kreativen Komponenten immer größeres Gewicht gewannen.

Ganz besonderer Einfluss fällt den Naturwissenschaften zu.
Je fortschrittlicher und tiefschürfender die Grundlagenforschungen im physikalischen, chemischen und biologischen Bereich desto potenter und konsequenzenreicher die daraus entwickelbaren Techniken.

Desto folgenschwerer aber auch die Fehler.
Und so kommt es, dass trotz aller Erfolge, die die Menschen im Zurückdrängen natürlicher Gefahren vorweisen können, zunehmend mehr Probleme bestehen, die wir als Menschheit selbst zu verantworten haben.


Das meiste Unheil wird von uns selbst gemacht.


Die wenigsten Katastrophen brechen heutzutage noch als reine Naturereignisse über uns herein.
Und wenn man bedenkt, dass wir mit denselben inzwischen schier unermesslichen Potenzen, durch die wir sehr viel Positives bewirken, gleichzeitig die wesentlichsten Probleme, unter denen wir leiden, mitproduzieren, scheint die Situation geradezu dramatisch.
Denn die Ursachen für mögliches Unheil liegen nicht nur in regelwidrigen Fehlfunktionen irgendwelcher Produktionsabläufe oder in den beabsichtigten Auswirkungen militärischer Einsätze.
Nicht kalkulierbare Gefahren sind heute vielen Prozessen immanent.

Bis vor Kurzem fürchteten wir zurecht das Inferno eines globalen Atomkriegs.
Doch nur Dumme glauben, dass die gigantische Produktion von Insektiziden, die Züchtung immer neuer Bakterienstämme und die Manipulation von Genen komplizierterer Wesen langfristig weniger gefährlich wären.
Denn auch hier sind sich die jeweiligen Akteure über das gesamte Ausmaß möglicher Folgen genausowenig im Klaren, wie es diejenigen waren, die das erste Mal einen Atomkern spalteten.
Vielleicht schlummern in laufenden Forschungsprogrammen Konsequenzen, die uns langfristig und ganz unabhängig von einer atomaren Katastrophe die eigenen Lebensvoraussetzungen im globalen Maßstab zerstören und uns damit ausrotten könnten.
Möglicherweise verbirgt sich jedoch eine noch viel ärgere Bedrohung in sozusagen traditionellen Bereichen, an denen wir alle beteiligt sind. Denn auch im Zusammenhang mit ganz normalen Konsum hat die Belastung der Umwelt völlig neue Dimensionen erreicht.

Schon heute verbrauchen wir einen Großteil unserer geistigen und materiellen Energien, um die negativen Konsequenzen dessen, was wir anrichten oder die Generationen vor uns verwirtschaftet haben, einigermaßen im Rahmen zu halten.
Doch angesichts drohender Katastrophen wäre es lächerlich, wenn wir uns darauf beschränken wollten, den potentiellen Schaden nur zu lindern. Zunehmend mehr von uns selbst verursacht, läge es heute schon an uns, ihn mit Übersicht zu verhindern, indem wir kritischer und verantwortungsbewusster gegenüber unseren eigenen Möglichkeiten sind und sie hier und da auch mal begrenzen.

Der Tausenderwechsel mag uns als Markierungspunkt darauf stoßen, dass uns die Übersicht fehlt.
Der Einstieg ins neue Jahrtausend verdeutlicht, wie unfähig wir sind, weitere tausend Jahre voraus zu denken.
Und gerade weil sich dahinter letztendlich die Furcht vor denselben Kräften versteckt, mit denen wir unsere Zukunft gestalten, sollte uns dies ein Alarmzeichen sein!
Doch was tun wir?


Wir jagen blind voran.


Bis heute leisten wir uns, Prozesse in Gang zu halten, ohne dabei ein klares Ziel zu verfolgen. Lassen die von uns initiierten Entwicklungen über uns herrschen, obwohl das zur Ausbeutung aller Ressourcen, zu weiteren Umweltkatastrophen und letztendlich zur Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen führen kann.
Wachstum um des Wachstums willen!
Den Systemen scheinbar hilflos untergeordnet, halten wir sie nur in Schwung. Ohne Orientierung im Großen, ohne Ahnung, wo es eigentlich hingehen soll, uns selbst nur immer wieder neue Würste vor die Nase hängend, rasen wir gemeinsam voran.
Wie Kinder in einem Kampfpanzer auf wilder Fahrt über das Land, von dem wir leben.
Blinde Öltankerkapitäne ohne Karte und Ziel auf nun schon leckgeschlagenem Schiff, doch Vollgas gebend, so es nur geht! In wildem Hinundher die Spuren der selbst geschaffenen Verwüstungen zu Lande, Wasser und in der Luft immer häufiger kreuzend, sind wir besorgt. Doch nur nicht anhalten! Das Öl noch unter Druck gesetzt, damit wir den Rückstoß nutzen. Es gibt keinen Weg zurück, und wir wollen heraus aus dem Schlamassel.

Außerdem soll es im Kleinen weitergehen und besser werden, als es ist.
Selbst wenn wir die Prozesse im Großen fürchten, wollen wir privat doch immer mehr!
Das passt zwar wie vieles nicht zusammen, aber Stillstand können wir uns nicht erlauben. Wer rastet, rostet. Die Maschinerie muss laufen. Wir brauchen unsere Jobs!

Im überschaubaren Rahmen unserer kleinen egozentrischen Welt, in Familie, Freundeskreis, Beruf und Staat, in Zeiträumen von heute, morgen oder bis zur nächsten Wahl empfinden wir noch so viel Kompetenz und Übersicht, dass wir uns einigermaßen sicher fühlen.
Warum also in die Zukunft schweifen und allgemeine Orientierung gewinnen?
Es gibt im Alltäglichen, genug Sinnvolles zu tun!
Jeder weiß auch so, was hier und da und drumherum noch schlecht ist und verbessert werden sollte.

Konzentrieren wir uns also auf greifbare Perspektiven wie dauerhafte Arbeitsplätze und zuverlässigen Umweltschutz! Mehr Gesundheit und Bildung, komfortablere Wohnungen, längeren Urlaub, kürzere Arbeitszeit und weniger Stress.
Noch sicherere und schadstoffärmere Autos und schnellere und leisere Flugzeuge für immer bequemeres Reisen. Packen wir's an!
Wir werden es schaffen.
Nur mit Optimismus geht es voran!

Vergessen wir daher das Geunke, es wäre fünf vor zwölf!
Natürlich wird es eine Zukunft geben, und es werden Menschen darin sein.


Die globale Sicht ist unerlässlich.


Gehen wir also davon aus, dass wir genug Orientierung hätten, um die Gefahren zu umgehen und dass wir alles unter Kontrolle bringen könnten, was uns bedroht.

Stellen wir uns vor, dass es in der Folge keine Katastrophen gäbe und all das, was uns heute bedrückt, in Ordnung wäre! Träumen wir von einer wunderbaren Welt, in der die Natur uns nichts mehr anhaben kann.
Es gibt keine Krankheiten mehr. Niemand muss hungern.
Und überall ist Frieden!

Doch was soll werden, wenn wir das Wetter beeinflussen können?
Das menschliche Genom so weit entschlüsselt haben, dass wir nicht nur clonen, sondern regelrechte Wunschkinder basteln können?
Was wäre das Ergebnis, wenn wir für unsere Ernährung die Natur nicht mehr bräuchten, weil wir dank der Chemie direkt von der mineralischen Substanz der Erde leben könnten?
Und wie sähe die Konsequenz aus, wenn wir immer mehr Krankheiten nicht nur unter Kontrolle, sondern sogar beseitigt hätten? Wenn die Menschen nicht nur zahlenmäßig ständig mehr, sondern insgesamt auch immer älter würden und das nicht nur bei uns?
Wann wäre dann, damit sie auch Wohnraum hätten, alles zubetoniert, und wann würde es auf diesem Planeten schließlich nur noch Stehplätze geben?
Unzählige Menschen, alle satt und gesund, und jeder kann jeden zu jeder Zeit via Bildtelefon erreichen!
Auf riesigen Plattformen über ihren Köpfen würden unablässig irgendwelche Flugobjekte starten und landen, und überall liefen auf großen und kleinen Bildschirmen Filmgeschichten aus virtuellen Welten von unvorstellbarer dreidimensionaler Qualität.

Doch die heimlichen Renner der Menschen wären jene uralten und technisch so mangelhaften Aufnahmen von Lebensbedingungen auf der Erde vor vielleicht tausend Jahren, als es noch Tiere, Felder, Wiesen, Gärten, Parks und Wälder gab und irgendwie noch möglich war, in halbwegs natürlicher Landschaft auch mal in Ruhe ganz für sich allein zu sein.


Das Fehlen positiver Visionen fördert Angst.


Nein, es ist gar nicht notwendig, Katastrophenszenarien zu entwerfen.
- Selbst das mögliche Positive ergäbe, isoliert betrachtet und hochgerechnet, Wahnsinn genug.
Noch gesünder, noch potenter walzten wir nur noch schneller und gründlicher alles platt!
Und es würde doch nichts nützen, weil selbst ein umfassender Sieg über den Tod uns dem Glück nicht näherbrächte, als wir es heute sind.
Wer würde sich schließlich an einer Welt noch freuen, in der es weder Kinder noch Jugendliche gäbe, weil in ihr gar kein Platz für neues Leben wäre?

Weder aus der Abwehr von Gefahren noch aus der Hochrechnung irgendwelcher Errungenschaften, die uns heute wichtig scheinen, erwächst ein erstrebenswertes Bild der Zukunft!

Und damit offenbart sich das eigentliche und wohl tiefgreifendste Problem unserer Zeit:
Wir haben als Menschheit kein Ziel.
Es fehlt eine positive Vision, die die Auflösung all unserer Probleme verspräche.
Ist es ohne solch eine Perspektive nicht gleich, an welcher Klippe wir zerschellen?

Ganz berechtigt herrscht heutzutage bei nahezu jedem Menschen unterschwellig die Angst, dass wir uns mit allen oder wenigstens den meisten unserer Bemühungen doch mehr schaden als nützen und letztlich nur am eigenen Grabe schaufeln. Kaum jemand ist wirklich frei davon, und wenn sich für die Menschheit je etwas verschlechtert hat, dann ist es wohl die durchaus begründete Zunahme eben dieser Angst.

Tatsächlich können die gegenwärtigen Entwicklungen nicht einfach und bedenkenlos angehalten werden. Selbst wenn es gelänge, sie einzufrieren, würde das nur wenig nützen. Allein für den Status quo müsste so viel in Bewegung gehalten werden, dass die Belastungen unserer Umwelt kaum geringer als heute wären.
Jeder Versuch, die weltweite Produktion vollständig zu beenden, müsste wegen der immensen Nachteile, die damit einhergingen, durch koordinierte Zwangsmaßnahmen unterstützt werden. Denn er bedeutete nicht Stillstand, sondern einen gigantischen Rückschritt, der für das menschliche Leben insgesamt verheerend ausgehen müsste.

Wir haben uns inzwischen so weit von natürlichen Standards entfernt, dass wir ohne zivilisatorische Errungenschaften und dem damit verbundenen hohen technischen Aufwand zumindest in derart großer Menschenzahl nicht überleben könnten.
Ein konsequentes Zurück zur Natur hätte daher, wenn man es über die Verklärung von Vergangenheit hinaus wirklich einmal zu Ende denkt, die wohl größte aller denkbaren Katastrophen zur Folge. Und es gäbe zudem keinerlei Garantie, dass die wenigen Überlebenden die Entwicklung nicht irgendwann wieder genau an den gleichen Punkt brächten, an dem wir heute stehen.

Zurück wäre demnach Wahnsinn, und Stillstand ist nicht möglich.
Trotz aller Gefahren, die jeder Fortschritt mit sich bringt, werden Verbesserungen nur mit dem Blick auf die Zukunft gelingen.

Und so werden wir nicht umhin kommen, uns auch darum zu kümmern, was wir am Ende erreichen wollen.
Wir brauchen ein optimistisches Zukunftsbild, das unseren Kräften nicht nur heute, sondern auch morgen noch angemessen wäre. Eine Vision, die sich nicht auf die Abwehr von Gefahren beschränkt, sondern als globale Utopie eine Welt vorstellbar macht, in der wir glücklich sein könnten.

Solch eine Vision, nach der es sich zu streben lohnt, wäre als Wegweiser die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir uns über die kollektiven Prozesse, die in unserer Verantwortung stehen, wieder erheben und statt Opfer der Entwicklungen zu Gestaltern unseres Glückes werden.


Der Entwurf von Utopien erfordert Mut.


Dabei sollten wir uns freilich auch der innewohnenden Gefahren von Utopien stets bewusst sein.
Denn Ziel ist nicht gleich Ziel, und die Tatsache allein, eines zu besitzen, bewahrt noch lange nicht vor Schaden. Im Gegenteil.
Wie im Kleinen gibt es auch im Großen solche, die sich, wenn aus Dummheit, Dogmen und Ignoranz geboren, nur verheerend auswirken können. Das haben die Erfahrungen mit Faschismus und Kommunismus in diesem Jahrhundert krass gezeigt. Und sie sind sicherlich ein wesentlicher Grund dafür, dass vielen Menschen der Entwurf neuer Utopien zu gefährlich erscheint. Dennoch erübrigen sie sich nicht.
Schließlich würde niemand allein deshalb vom Fortschritt abraten, weil es Probleme damit geben kann, und kein ernstzunehmender Mensch wird meinen, dass man aus ähnlichen Sorgen heraus auf die Fortpflanzung allgemein verzichten sollte. Entsprechend ändern auch die Ängste, die man ganz berechtigt über die mögliche Ausrichtung und dogmatische Umsetzung eines Zieles haben kann, am Ende nichts an dessen eigentlicher Bedeutung.
Denn gerade wenn und weil wir freie Menschen sind und es auch bleiben wollen, werden wir nur mit Hilfe einer Utopie, die auf unseren elementaren Lebensinteressen und tiefen Sehnsüchten beruht, einen klaren und vor allen Dingen konsensfähigen Maßstab finden.

Was in diesem Zusammenhang zu bewerkstelligen wäre, ist ja nicht etwa der Entwurf irgendeiner neuen Heilsverkündung oder die Konstruktion eines Nischenmodells, das nur für einen kleinen Teil der Menschen lebbar wäre.
Wichtig ist vielmehr eine glaubwürdige und in sich stimmige irdische Utopie, die gleichermaßen auf einem tiefen Verständnis der entscheidenden Lebenszusammenhänge basiert, wie sie für alle Menschen gelten und ihnen schließlich Vorteil bringen soll.
- Eine geistige Herausforderung also, die beim näheren Hinsehen selbst die ehrgeizigsten Projekte der Gegenwart weit in ihren Schatten stellt.

Nähmen wir sie ernst, würde allein schon das Streben nach dem Bild solch einer Welt von morgen nachhaltige Veränderungen bewirken und Bewusstseinsprozesse fördern, deren Mangel allenthalben beklagt wird.

Anders als beim hoffnungslosen Unterfangen, das Bestehende zu bewahren, würde uns das Mühen um positive Visionen ganz automatisch aus der Lethargie reißen und unseren Blick für Neues öffnen.
Es würden durch die notwendige Betrachtung weiter Zeiträume die Bedeutung der jeweils engen ideologischen und nationalen Systeme ebenso selbstverständlich zurückgedrängt wie ein über alle inneren und äußeren Grenzen hinausreichendes Verstehen gefördert.
Denn wir kämen schließlich nicht umhin, Zusammenhänge zu erkunden, unbeantwortete Fragen aufzugreifen und wenigstens den Versuch zu starten, jede einzelne Idee mit all ihren Konsequenzen, so weit es geht, zu Ende zu denken.

Jedem, der sich auf die Suche nach einer positiven Sicht auf die Zukunft einließe, würde klar, dass wir unabhängig materieller und geistiger Unterschiede tatsächlich alle gemeinsam in einem Boot sitzen und dass Demokratie und Freiheit unabdingbare Voraussetzungen sind, wenn man Fehlentwicklungen unverzüglich erkennen und ihnen entgegensteuern will.
Und weil auch ein dauerhafter Frieden auf der ganzen Welt nur über annähernd gleiche Lebensbedingungen in allen Teilen der Erde vorstellbar ist, könnte uns die geistige Ausrichtung auf eine positive Zukunft erfolgreicher als alle moralischen Appelle über gegensätzlich erscheinende Interessen hinweg vereinen.

Als Planer von solchen Utopien bräuchten wir uns zudem vor gar nichts fürchten.
Denn in unseren Gedankenspielen bestände überall dort, wo Probleme auftauchten, gleichzeitig und automatisch die Möglichkeit, über sie hinauszudenken, so dass lähmende Konfrontationen, wie wir sie von aktuellen Sorgen her kennen, gar nicht erst entständen.
Wir könnten uns zu bewussten Gestaltern unserer Welt erheben und alles verändern, was uns nicht passt.
Alles wäre möglich!
Schließlich ginge es nicht um Tagespolitik, auch nicht darum, wie die Welt in Tausend Jahren aussehen tatsächlich könnte, sondern wir sie zukünftig wollen.
Abseits von pragmatischen Zwängen und Prognosen, unabhängig auch von den gängigen Vorstellungen der Gegenwart könnten wir unserer Phantasie völlig freien Lauf lassen.


Die Suche nach positiven Visionen führt uns zu uns selbst.


Dabei wäre es nicht nur erlaubt, alles zu denken, wovon wir uns globales Glück versprechen, sondern sogar unerlässlich, den kreativen Freiraum zu nutzen, damit wir in bewussten Kontakt mit unseren tiefen Sehnsüchten gelangen.
Denn schließlich müssten wir, um uns eine glückliche Zukunft vorzustellen, erst einmal in selbst erspüren, wie dauerhaftes Glück aussehen könnte und landeten auf diese Weise - welch wunderbarer Nebeneffekt - statt in der Ferne ganz bei uns selbst.

Die Entwicklung einer globalen Utopie können wir daher nicht wirklich deligieren.
Der Einzelne mag zwar überfordert sein, eine konsens- und tragfähige Vision zu entwerfen, deren Vielzahl von Faktoren im Verbund miteinander weitestgehend zu Ende gedacht sind. Doch wäre es sinnlos, sie von anderen Menschen oder irgendwelchen Institutionen als Geschenk zu erwarten.
Niemand wird sie annehmen können, der sich nicht schon selbst auf die Suche nach seinem eigenen Glück begeben hat.

Grundsätzlich ist daher jeder, der nicht nur nach seinem oberflächlichen Vorteil strebt, sondern sich mit dem Wesen des Glücks tiefgründiger auseinandersetzt, an der Entwicklung einer gemeinsamen globalen Vision beteiligt.
Denn nur wer in bewussten Kontakt mit seiner inneren Lebensorientierung gelangt, hat den entscheidenden Maßstab gefunden, mit dem wir uns tatsächlich über die allgemeinen Entwicklungen erheben können. Sind doch die elementaren Sehnsüchte nicht nur ein verlässlicher Schlüssel, der uns für visionäre Sichtweisen öffnet, sondern auch die einzige wirkliche Gewähr, die uns davor bewahrt, falschen Vorstellungen und Rattenfängern hinterherzulaufen.

Der klarere Kontakt zu den inneren Ausrichtungen des eigenen Seins sowie die daraus entwickelbare Vision einer glücklichen Zukunft hätten entscheidende Rückwirkungen auf die Gegenwart.
Beide würden zu einem bewussteren Umgang mit uns selbst führen. Zweifellos hätten sie Einfluss auf unsere Lebenshaltung und privaten Entscheidungen und böten Anlass, bestimmte äußere Entwicklungen zu fördern, anderen Widerstand entgegenzubringen oder uns ihnen zu verweigern.
Allmählich ergäben sich dadurch Auswirkungen auf die politischen Angebote, so dass sie schließlich, wenn auch anfangs vielleicht unmerklich, zur Steuerung der globalen Prozesse beitragen würden.

Es wäre daher sehr viel gewonnen, wenn immer mehr Menschen die wichtige Bedeutung einer positiven globalen Utopie, mit der wir optimistisch in die Zukunft sehen könnten, erkennen und sich mit offenen Augen, Ohren und Herzen an der Suche danach beteiligen würden.

Und weil es einen anderen Ausweg aus den Problemen, die uns manchmal regelrecht zu erdrücken scheinen, am Ende sowieso nicht gibt und er uns außerdem nicht von uns selbst entfernt, sondern zu klarerer Bewusstheit gegenüber dem eigenen Leben führt, sind wir allesamt herzlich eingeladen, ihn nicht erst morgen, sondern schon heute zu beschreiten und mit der gegenwärtigen geistigen Auseinandersetzung um positive Visionen dazu beizutragen, eine glücklichere Zukunft einzuläuten.




 

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