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Perspektiven ... oder wohin ­ ohne Ziel?


Diesen Essay habe ich anlässlich des Jahrtausendwechsels geschrieben.

Er hat seither nichts von seiner Aktualität verloren.



Was bedeuten die 2000 Jahre willkürlich gesetzter Zeitrechnung, die wir gerade gefeiert haben, gegenüber den mehr als vier Milliarden Jahren Erdgeschichte, 500 Millionen des Lebens und mindestens 400.000 jenes Homo Sapiens, der unser Urahn ist?
Eine zu vernachlässigende Größe?

Immerhin ist unübersehbar, dass die zu Ende gegangenen zwei Jahrtausende abendländisch-christlicher Kultur den menschlichen Lebensraum entscheidend mit verändert haben.
Schließlich hat allein schon das letzte Jahrhundert weltweit so viele Neuerungen gebracht, dass wohl niemand, der vor hundert Jahren starb, die Erde heute wiedererkennen und sich ohne massive Unterstützung auf ihr zurechtfinden könnte.

Je jünger die Epoche, desto schneller, bedeutsamer und vielschichtiger scheint ihr Wandel.
Und weil die von den europäischen und nordamerikanischen Industrienationen ausgehenden Einflüsse die globalen Lebensverhältnisse immer noch weitestgehend mitgestalten, ist die für uns gültige Zeitrechnung nicht zufällig die verbindlichste der modernen Menschenwelt.

Und hier liegt dann auch der Grund, weshalb von der Jahreszahl mit den drei Nullen, selbst wenn sie nur an unser System gebunden ist, eine gewissermaßen gerechtfertigte Magie ausgeht.


An Markierungspunkten ist man um Übersicht bemüht.


Gewöhnlich ziehen wir bei jedem Jahreswechsel Bilanz und setzen uns Ziele für den Weg voran. Mit jeder Null sind die Zeiträume unserer Betrachtungen weiter und unsere Prognosen vorsichtiger.
Beim Hunderterwechsel fallen die Einschätzungen schon sehr schwer. Denn 100 Jahre übersteigen in der Regel unsere subjektiven Lebensgrenzen.
Der Tausender scheint erst recht einige Nummern zu groß. Vor allem, was die Einschätzung der Zukunft betrifft.
Denn während die Sicht auf die Vergangenheit selbst über lange Zeiträume noch relativ leicht gelingt und bei entsprechender Perspektive sogar Mut machen kann, fällt der Blick nach vorne um so schwerer.

Wer wagt Prognosen über die nächsten zehn, hundert oder gar tausend Jahre?
Wie steht es mit einer Million?

Allesamt lächerliche Zeitspannen, wenn man bedenkt, wie lange Dinosaurier die Erde beherrschten!
Science-Fiction-Fantasien gibt es zwar zu Hauf. Doch keine ernsthaften Ziele oder gar Hochrechnungen, die einen positiven Ausgang gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungen erahnen lassen.
Und das nährt unterschwellig Angst.

Stehen wir vor einem unabänderlich fortschreitenden Verfall menschlicher Werte?
War's das? Ist es mit der Menschheit bald vorbei?
Oder gibt es noch Hoffnung auf eine Ära des Friedens und des Glücks?


Schauen wir uns die Situation mit sinnvollem Abstand etwas genauer an:


Entgegen manch subjektiver Empfindung waren die Lebensverhältnisse der Menschen jedoch zu keiner Zeit besser als heute.
Die Zivilisation hat unzählige objektive Vorteile gebracht. Sie hat Quantität und Qualität des menschlichen Seins verändert. Sie hat zur Vervielfachung der Menschheit beigetragen sowie Sicherheit und Wohlstand geschaffen, die, selbst wenn nur von einem Teil genossen, vor nicht allzu langer Zeit undenkbar gewesen wären.
Voraussetzungen dazu waren und sind menschliche Leistungen. Geistige und handwerkliche Fähigkeiten und ein ausgeklügeltes Zusammenspiel, bei dem die intellektuellen und kreativen Komponenten immer größeres Gewicht gewannen.

Ganz besonderer Einfluss fällt den Naturwissenschaften zu.
Je fortschrittlicher und tiefschürfender die Grundlagenforschungen im physikalischen, chemischen und biologischen Bereich desto potenter und konsequenzenreicher die daraus entwickelbaren Techniken.

Desto folgenschwerer aber auch Missgeschicke, Fehleinschätzungen und daraus resultierende Konsequenzen.
Und so kommt es, dass trotz aller Erfolge, die die Menschen im Zurückdrängen natürlicher Gefahren vorweisen können, zunehmend mehr und immer größere Probleme bestehen, die wir als Menschheit selbst zu verantworten haben.


Das meiste Unheil wird von uns selbst gemacht.


Die wenigsten Katastrophen brechen heutzutage noch als reine Naturereignisse über uns herein.
Und wenn man bedenkt, dass wir mit denselben inzwischen schier unermesslichen Potenzen, durch die wir sehr viel Positives bewirken, gleichzeitig die wesentlichsten Probleme, unter denen wir leiden, mitproduzieren, scheint die Situation geradezu dramatisch.
Denn die Ursachen für mögliches Unheil liegen ja nicht nur in unbeabsichtigten Fehlfunktionen irgendwelcher Produktionsabläufe oder in gewollten zerstörerischen Auswirkungen militärischer Einsätze.
Nicht kalkulierbare Gefahren sind heute vielen oder gar den meisten Prozessen immanent.

Bis vor Kurzem fürchteten wir zurecht das Inferno eines globalen Atomkriegs.
Doch nur Dumme können glauben, dass die gigantische Produktion von Insektiziden, die Züchtung immer neuer Bakterienstämme und die Manipulation von Genen komplizierterer Wesen langfristig weniger gefährlich wären.
Und auch hier sind sich die jeweiligen Akteure über das gesamte Ausmaß möglicher Folgen genausowenig im Klaren, wie es diejenigen waren, die das erste Mal einen Atomkern spalteten.
Vielleicht schlummern in laufenden Forschungsprogrammen Konsequenzen, die uns langfristig und ganz unabhängig von einer atomaren Katastrophe die eigenen Lebensvoraussetzungen im globalen Maßstab zerstören und uns damit ausrotten könnten.
Möglicherweise verbirgt sich jedoch eine noch viel ärgere Bedrohung in sozusagen traditionellen Bereichen, an denen wir alle beteiligt sind. Denn auch im Zusammenhang mit ganz normalen Konsum hat die Belastung der Umwelt völlig neue Dimensionen erreicht.

Schon heute verbrauchen wir einen Großteil unserer geistigen und materiellen Energien, um die negativen Konsequenzen dessen, was wir anrichten oder die Generationen vor uns verwirtschaftet haben, einigermaßen im Rahmen zu halten.
Doch angesichts drohender Katastrophen wäre es lächerlich, wenn wir uns darauf beschränken wollten, den potentiellen Schaden nur zu lindern.
Zunehmend mehr von uns selbst verursacht, läge es heute schon an uns, ihn mit Übersicht zu verhindern, indem wir kritischer und verantwortungsbewusster gegenüber unseren eigenen Möglichkeiten sind und sie hier und da auch mal begrenzen.

Der Tausenderwechsel mag uns als Markierungspunkt darauf stoßen, dass uns die Übersicht fehlt.
Der Einstieg ins neue Jahrtausend verdeutlicht, wie unfähig wir sind, weitere tausend Jahre voraus zu denken.
Und gerade weil sich dahinter letztendlich die Furcht vor denselben Kräften versteckt, mit denen wir unsere Zukunft gestalten, sollte uns dies ein Alarmzeichen sein!
Doch was wird getan?


Wir jagen blind voran.


Bis heute leisten wir es uns, Prozesse in Gang zu halten, ohne dabei ein klares Ziel zu verfolgen. Wir lassen die von uns initiierten Entwicklungen über uns herrschen, obwohl das zur Ausbeutung aller Ressourcen, zu weiteren Umweltkatastrophen und letztendlich zur Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen führen kann.
Wachstum um des Wachstums willen!
Den Systemen vermeintlich hilflos untergeordnet, halten wir sie selbst in Schwung. Ohne Orientierung im Großen. Ohne Ahnung, wo es eigentlich hingehen soll. Uns selbst nur immer wieder neue Würste in Form kurzfristiger Ziele vor die eigenen Nasen gehängt, rasen wir gemeinsam voran.
Wie Kinder in einem Kampfpanzer auf wilder Fahrt über das Land, von dem wir leben.
Blinde Öltankerkapitäne ohne Karte und Ziel auf nun schon leckgeschlagenem Schiff. Vollgas gebend, wo es nur geht! In wildem Hinundher die Spuren der selbst geschaffenen Verwüstungen zu Lande, Wasser und in der Luft immer häufiger kreuzend, sind wir zwar besorgt. Doch nur nicht anhalten! Das Öl noch möglichst unter Druck gesetzt, damit wir den Rückstoß nutzen. Es gibt keinen Weg zurück, und wir wollen doch raus aus dem Schlamassel!

Außerdem soll es im Kleinen weitergehen und sogar noch besser werden, als es ist.
Und so wollen wir, selbst wenn wir die Prozesse im Großen fürchten, privat doch immer mehr!
Das passt zwar wie vieles nicht zusammen, aber Stillstand dürfen wir uns nicht erlauben. Wer rastet, rostet. Die Maschinerie muss laufen. Schließlich brauchen wir auch unsere Jobs!

Im überschaubaren Rahmen unserer kleinen egozentrischen Welt, in Familie, Freundeskreis, Beruf und Staat, in Zeiträumen von heute, morgen oder bis zur nächsten Wahl empfinden wir auch noch so viel eigene Kompetenz und Übersicht, dass wir uns hier einigermaßen sicher fühlen.
Warum also in die Ferne schweifen, uns um die Zukunft kümmern und möglichst weite Orientierung gewinnen?
Es gibt im Alltäglichen genug Sinnvolles zu tun!
Jeder weiß, was hier und da und drumherum noch schlecht ist und verbessert werden sollte.

Konzentrieren wir uns also auf greifbare Perspektiven wie dauerhafte Arbeitsplätze und zuverlässigen Umweltschutz! Mehr Gesundheit und Bildung, komfortablere Wohnungen, längeren Urlaub, kürzere Arbeitszeit und weniger Stress.
Noch sicherere und schadstoffärmere Autos und schnellere wie leisere Flugzeuge für immer bequemeres Reisen. Packen wir's an!
Wir werden es schaffen.
Nur mit Optimismus geht es voran!

Vergessen wir das Geunke, dass es fünf vor zwölf wäre!
Natürlich wird es eine Zukunft geben, und es werden Menschen darin sein!


Die globale Sicht ist unerlässlich.


Gehen wir also mal davon aus, dass wir genug Orientierung hätten, um die großen Gefahren zu umgehen und dass wir schließlich in der Lage wären, alles unter Kontrolle zu bringen, was uns bedrohen könnte.

Stellen wir uns vor, dass es in der Folge keine Katastrophen gäbe und all das, was uns heute bedrückt, in Ordnung wäre! Träumen wir von einer wunderbaren Welt, in der uns die Natur nichts mehr anhaben kann.
Es gibt keine Krankheiten mehr.
Niemand muss hungern.
Und überall ist Frieden!

Doch was soll werden, wenn wir das Wetter beeinflussen könnten?
Das menschliche Genom so weit entschlüsselt hätten, dass wir nicht nur clonen, sondern regelrechte Wunschkinder basteln könnten?

Was wäre das Ergebnis, wenn wir für unsere Ernährung die Natur nicht mehr bräuchten, weil wir dank weiterer Errungenschaften der Chemie direkt von der mineralischen Substanz der Erde leben könnten?
Und wie sähe die Konsequenz aus, wenn wir immer mehr Krankheiten nicht nur unter Kontrolle, sondern restlos beseitigt hätten? Wenn die Menschen nicht nur zahlenmäßig ständig mehr, sondern insgesamt auch immer gesünder und älter würden?
Und das nicht nur bei uns!

Wann wäre dann, damit sie auch ausreichend Wohnraum hätten, alles zubetoniert, und wann würde es auf diesem Planeten schließlich nur noch Stehplätze geben?
Unzählige Menschen, alle satt und gesund, und jeder kann jeden zu jeder Zeit via Bildtelefon erreichen!
Auf riesigen Plattformen über ihren Köpfen würden unablässig irgendwelche Flugobjekte starten und landen, und überall liefen auf großen und kleinen Bildschirmen Filmgeschichten aus virtuellen Welten von unvorstellbarer dreidimensionaler Qualität.

Doch die heimlichen Renner der Menschen wären wahrscheinlich jene uralten und technisch so mangelhaften Aufnahmen von Lebensbedingungen auf der Erde vor vielleicht tausend Jahren, als es noch Tiere, Felder, Wiesen, Gärten, Parks und Wälder gab und irgendwie noch möglich war, in halbwegs natürlicher Landschaft auch mal in Ruhe ganz für sich allein zu sein.


Das Fehlen positiver Visionen fördert Angst.


Nein, es ist gar nicht notwendig, Katastrophenszenarien zu entwerfen.
- Selbst das mögliche Positive ergäbe, isoliert betrachtet und hochgerechnet, Wahnsinn genug.

Noch gesünder, noch potenter walzten wir nur noch schneller und gründlicher alles platt!
Und es würde doch nichts nützen, weil selbst ein umfassender Sieg über den Tod uns dem Glück nicht näherbrächte, als wir es heute sind.
Wer würde sich schließlich an einer Welt noch freuen, in der es weder Kinder noch Jugendliche gäbe, weil in ihr gar kein Platz für neues Leben wäre?

Weder aus der Abwehr von Gefahren noch aus der Hochrechnung irgendwelcher Errungenschaften, die uns heute wichtig erscheinen, entsteht ein erstrebenswertes Bild der Zukunft!

Und damit offenbart sich das eigentliche und m.E. tiefgreifendste Problem unserer Zeit:
Wir haben als Menschheit kein Ziel.
Es fehlt uns eine gemeinsame positive Vision, die die Auflösung all unserer Probleme verspräche.

Ist es ohne solch eine Perspektive nicht ganz gleich, an welcher Klippe wir schließlich gemeinsam zerschellen?

Sehr berechtigt herrscht heutzutage bei nahezu allen Menschen unterschwellig Angst, dass wir uns mit allen oder wenigstens den meisten unserer Bemühungen doch mehr schaden als nützen und letztlich bereits dabei sind, am eigenen Grabe zu schaufeln. Kaum jemand ist von solchen Sorgen frei.
Und wenn sich für die Menschheit je etwas wirklich verschlechtert hat, dann ist es diese durchaus begründete Zunahme eben dieser Angst.

Außerdem könnten, selbst wenn wir es wollten, die gegenwärtigen Entwicklungen sowieso nicht bedenkenlos angehalten werden.
Und selbst wenn es gelänge, sie einzufrieren, würde es nur wenig nützen.
Denn allein schon für den Status quo müsste so viel in Bewegung gehalten werden, dass die Belastungen unserer Umwelt kaum geringer als heute wären.

Und jeder Versuch, die weltweite Produktion vollständig zu beenden, müsste wegen der immensen Nachteile, die unausweichlich damit verbunden wären, durch weltweit koordinierte Zwangsmaßnahmen unterstützt werden.
Es bedeutete ja nicht nur Stillstand, sondern einen gigantischen Rückschritt, der für das menschliche Leben insgesamt verheerend ausgehen würde.

Schließlich haben wir uns inzwischen so weit von natürlichen Standards entfernt, dass wir ohne die vorhandenen zivilisatorischen Errungenschaften und ohne den damit verbundenen hohen technischen Aufwand zumindest in derart großer Menschenzahl nicht überleben könnten.

Ein konsequentes Zurück zur Natur hätte daher, wenn man es über die Verklärung von Vergangenheit hinaus zu Ende denkt, die wohl größte aller denkbaren Katastrophen zur Folge.
Und es gäbe nicht einmal die Garantie, dass die wenigen Überlebenden die Entwicklung nicht irgendwann wieder genau an den gleichen Punkt brächten, an dem wir heute stehen.

Zurück wäre demnach Wahnsinn, und Stillstand ist sowieso nicht möglich.
Trotz aller Gefahren, die jeder Fortschritt mit sich bringt, können wirkliche Verbesserungen nur mit dem Blick auf die Zukunft gelingen.

Daher werden wir auch nicht umhin kommen, uns darum zu kümmern, was wir letztendlich erreichen wollen.
Wir bräuchten und brauchen ein optimistisches Zukunftsbild, das unseren Kräften nicht nur heute, sondern morgen noch angemessen wäre.
Eine Vision, die sich nicht auf die Abwehr von Gefahren beschränkt, sondern eine Welt vorstellbar macht, in der wir alle miteinander glücklich leben können.

Denn solch eine globale Vision, nach der es sich gemeinsam zu streben lohnt, wäre als Wegweiser die wichtigste Voraussetzung dafür, dass wir uns über die kollektiven Prozesse, die in unserer Verantwortung stehen, wieder erheben und statt von vermeintlichen Opfern der menschlichen Entwicklungen zu bewussten Gestaltern unseres kollektiven Glückes werden.


Positive Visionen erfordern Mut.


Dabei sollten wir uns freilich auch der innewohnenden Gefahren jeder Form von von Visionen oder Utopien stets bewusst sein.
Denn Ziel ist nicht gleich Ziel.
Und die Tatsache allein, eines zu besitzen, bewahrt noch lange nicht vor Schaden. Im Gegenteil!

Wie im Kleinen sind auch im Großen Zielvorstellungen möglich, die sich, wenn aus Dummheit, Dogmen und Ignoranz geboren, nur verheerend auswirken können.
Dies haben die Erfahrungen mit Faschismus und Kommunismus im letzten Jahrhundert sehr krass gezeigt.
Und sie sind sicherlich ein wesentlicher Grund dafür, weshalb vielen Menschen der Entwurf neuer Visionen viel zu gefährlich erscheint.
Doch sie erübrigen sich trotzdem nicht.

Schließlich würde wohl niemand allein deshalb von weiterem Fortschritt abraten, weil es damit zusätzliche Probleme geben könnte.
Und kein ernstzunehmender Mensch wird meinen, dass man aus ähnlichen Sorgen heraus auf die menschliche Fortpflanzung allgemein verzichten sollte.
Entsprechend ändern auch die Ängste, die man ganz berechtigt über die mögliche Ausrichtung und dogmatische Umsetzung von Zielen haben kann, am Ende nichts an deren grundsätzlicher Bedeutung.

Denn gerade wenn und weil wir freie Menschen sind und es bleiben wollen, werden wir nur mit Hilfe gemeinsamer Visionen, die auf unseren elementaren Lebensinteressen und dem uns verbindenden tiefen menschlichen Sehnen beruhen, einen klaren und vor allen Dingen konsensfähigen Maßstab finden.

Außerdem ist zu bedenken, dass das, was in diesem Zusammenhang zu bewerkstelligen wäre, ja nicht der Entwurf irgendeiner neuen Heilsverkündung oder die Konstruktion eines Nischenmodells ist, das nur für einen kleinen Teil der Menschen lebbar wäre.

Wichtig ist vielmehr eine glaubwürdige und in sich stimmige positive Zukunftsvision, die ebenso auf tiefem Verständnis unserer elementaren Lebenszusammenhänge basieren wie sie für alle Menschen gleichermaßen gelten und jedem entscheidende Lebensvorteile bringen soll.
- Eine geistige Herausforderung also, die beim näheren Hinsehen selbst die ehrgeizigsten Projekte der Gegenwart weit in ihren Schatten stellt.

Nähmen wir sie aber wirklich ernst, würde allein schon das Streben nach dem Bild solch einer Welt von morgen nachhaltige Veränderungen bewirken und Bewusstseinsprozesse fördern, deren gegenwärtigen Mangel man allenthalben beklagt.

Denn anders als beim stets hoffnungslosen Unterfangen, das Bestehende zu bewahren, würde uns allein schon das gemeinsame Mühen um positive Visionen aus der allgemeinen Lethargie reißen und unseren Blick für Neues öffnen.
Durch die damit verbundene notwendige Betrachtung weiter Zeiträume würden zudem die Bedeutungen der jeweils engen ideologischen und nationalen Systeme ebenso zurückgedrängt wie ein über alle inneren und äußeren Grenzen hinausreichendes allgemeines Verständnis gefördert.

Wir kämen ja nicht umhin, weite Zusammenhänge gemeinsam zu erkunden, unbeantwortete Fragen aufzugreifen und wenigstens den Versuch zu starten, jede einzelne Idee mit möglichst all ihren Konsequenzen, so weit es geht, zu Ende zu denken.

Und jedem, der sich auf die Suche nach einer positiven Sicht auf die Zukunft einließe, würde dabei selbstverständlich klar, dass wir unabhängig materieller und geistiger Unterschiede tatsächlich alle gemeinsam in einem Boot sitzen und dass Demokratie und politische Freiheiten unabdingbare Voraussetzungen sind, wenn man Fehlentwicklungen rechtzeitig erkennen und ihnen entgegensteuern will.

Da aber auch dauerhafter Frieden auf der ganzen Welt nur über annähernd gleiche Lebensbedingungen in allen Teilen der Erde vorstellbar wäre, könnte uns die geistige Ausrichtung auf eine positive Zukunft nachhaltiger als alle moralischen Appelle über gegensätzlich erscheinende Interessen hinweg vereinen.

Als positive Visionäre bräuchten wir uns zudem vor gar nichts fürchten.
Denn in unseren Gedankenspielen bestände überall dort, wo Probleme auftauchen würden, gleichzeitig die Möglichkeit, über sie hinauszudenken, so dass lähmende Konfrontationen, wie wir sie von gegenwärtigen Sorgen her kennen, gar nicht erst entständen.

So könnten wir uns zumindest in Gedanken zu bewussten Gestaltern unserer Welt erheben und wenigstens in der Fiktion erst einmal alles verändern, was uns nicht passt.
Alles wäre möglich!

Denn abseits von Tagespolitik mit ihren pragmatischen Zwängen und den gewohnten meist düsteren Zukunftsprognosen, unabhängig sogar von allen gängigen Vorstellungen der Gegenwart könnten wir unserer Phantasie erst einmal völlig freien kreativ-spürenden Lauf lassen.

Schließlich ginge es nicht um Hochrechnungen, nicht darum, wie die Welt in Tausend Jahren wahrscheinlich aussehen könnte oder tatsächlich sollte, sondern "einfach nur" um erst einmal recht vage Vorstellungen für die Erfüllung unseres tiefen menschlichen Sehnens nach Lebensglück und Frieden.
Um Visionen, die wir uns aufgrund alter Konditionierungen gewöhnlich, weil grundsätzlich als unrealistisch eingestuft, meist unbewusst verbieten.

Einfach mal, es kann ja nichts passieren, als Facette innerer Befreiung zur Weitung des eigenes Geistes ausprobieren:

Wie könnte unsere gemeinsame Welt in bestmöglich beglückender Weise in 1000 Jahren für alle Menschen aussehen?

Die Suche nach positiven Visionen führt zuerst nach innen.


Dabei wäre es nicht nur erlaubt, alles zu denken, wovon wir uns ein globales friedliches und glückliches Miteinander versprechen, sondern sogar unerlässlich, diesen kreativen Freiraum zu nutzen, damit wir in bewussten Kontakt mit unserem tiefen Sehnen gelangen.

Denn wir müssten ja, um uns eine glückliche Zukunft überhaupt vorstellen zu können, selbstverständlich erst einmal in uns selbst erspüren, wie dauerhaftes Glück aussehen könnte. Ehrlich hinschauen. Tiefer sehen. Sensibler werden.
Und so landeten wir auf diese Weise - welch wunderbarer Nebeneffekt - statt in der Ferne ganz bei uns selbst.

Die Entwicklung einer positiven globalen Vision ließe sich daher auch nicht wirklich deligieren.
Der Einzelne mag sich zwar überfordert fühlen, eine am Ende konsens- und tragfähige Vision zu entwerfen, deren Vielzahl von Faktoren im Verbund miteinander weitestgehend zu Ende gedacht werden müssten.
Doch wäre es sinnlos, sie von anderen Menschen oder irgendwelchen Institutionen wie ein Geschenk zu erwarten.

Niemand würde den Wert solcher erkennen, einschätzen und sie annehmen können, der sich nicht selbst in Kontakt mit seinem tiefen Sehnen befindet und seinerseits auf die Suche nach den elementaren Voraussetzungen für sein Lebensglück begeben hat.

Umgekehrt ist daher aber auch jeder, der nicht nur nach seinem oberflächlichen Vorteil strebt, sondern sich mit dem Wesen echten Lebensglücks tiefgründiger auseinandersetzt, bereits grundsätzlich an der Entwicklung einer uns möglicherweise einmal als Menschen allesamt verbindenden gemeinsamen globalen Vision mitbeteiligt.
Denn nur wer in bewussten Kontakt mit seinen inneren Lebensorientierung steht, hat den entscheidenden Maßstab gefunden, mit dem wir uns tatsächlich über die allgemeinen Entwicklungen wieder erheben könnten und können (und schließlich auch die KI nicht weiter zu fürchten hätten).

Unser tiefes inneres menschliches Sehnen nach Frieden, Liebe und Lebensleichtigkeit ist dabei nicht nur der entscheidende Schlüssel, der uns für visionäre Sichtweisen öffnet, sondern auch die einzige wirkliche Gewähr, die uns davor schützt, falschen Vorstellungen und Rattenfängern hinterherzulaufen, die sicherlich auch zukünftig lauern werden.
Der bewusstere Kontakt zu den inneren Ausrichtungen des eigenen Seins ist die entscheidende Voraussetzung für menschliche Souveränität, Selbstverantwortung und Lebenskompetenz.


Bereits bei der Beschäftigung mit möglichen positiven Visionen einer glücklicheren, wenn auch noch so fernen menschlichen Zukunft würden sich entscheidende Rückwirkungen auf die Gegenwart ergeben.

Denn die Bejahung des Lebensglücks und die Suche nach beglückenden Lösungen würden wie selbstverständlich zu einem bewussteren Umgang eines jeden mit sich selbst führen - was immensen Einfluss auf unsere Lebenshaltungen und privaten Entscheidungen hätte, weil es genug Anlass böte, bestimmte Entwicklungen zu fördern, anderen Widerstand entgegenzubringen oder sich ihnen ganz zu verweigern.

Allmählich ergäben sich dadurch sicherlich Auswirkungen auf die politischen Angebote, weshalb die Beschäftigung mit positiven globalen Visionen auch auf diese Weise, selbst wenn anfangs vielleicht unmerklich, schließlich zur Steuerung der globalen Prozesse beitragen würde.

Und genau deshalb wäre schon sehr viel gewonnen, wenn immer mehr Menschen die wichtige Bedeutung positiver globaler Orientierungen, mit denen wir optimistisch in die Zukunft sehen könnten, erkennen und sich mit offenen Augen, Ohren und Herzen an der Suche danach beteiligen würden.

Und weil es einen anderen Ausweg aus den Problemen, die uns manchmal regelrecht zu erdrücken scheinen, am Ende sowieso nicht gibt und wir uns dabei außerdem nicht von uns selbst entfernen, sondern zu immer klarerer Bewusstheit gegenüber dem eigenen Leben gelangen, sind wir allesamt herzlich eingeladen, ihn nicht erst morgen, sondern schon heute zu beschreiten und mit der gegenwärtigen geistigen Ausrichtung auf positive Visionen dazu beizutragen, eine glücklichere Zukunft einzuläuten.




 

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